John Dewey
Mein pädagogischer Glaube
(1897)

(Original: My Pedagogic Creed. In: School Journal vol. 54, January 1897, pp. 77-80)

Artikel 1: Was Erziehung ist

Ich glaube, daß Erziehung stets nur durch die Teilhabe des einzelnen am sozialen Bewußtsein der Menschheit vor sich geht. Dieser Prozeß beginnt unbewußt fast schon bei der Geburt und formt andauernd die Kraft des einzelnen Menschen, füllt sein Bewußtsein, prägt sein Verhalten, übt seine Vorstellungen und weckt seine Gefühle. Durch diese unbewußte Erziehung gelangt der einzelne allmählich zur Teilhabe an den geistigen und moralischen Ressourcen, welche die Menschheit zusammengetragen hat. Er wird zum Erben des zins-tragenden Kapitals der Zivilisation. Auch die formalste und abstrakteste Erziehung der Welt kann diesen allgemeinen Vorgang nicht einfach außer acht lassen. Sie kann ihn nur organisieren oder ihn in eine bestimmte Richtung lenken.

Ich glaube, daß die einzig wahre Erziehung dann geschieht, wenn die Kraft des Kindes durch die Anforderungen der Situation des Zusammenlebens herausgefordert wird, in der es selbst steckt. Durch diese Anforderungen wird das Kind veranlaßt, als Mitglied eines Ganzen zu handeln, also aus seiner ursprünglichen Enge von Tat und Handlung herauszutreten und sich selbst vom Standpunkt des Wohlergehens der Gruppe wahrzunehmen, der es angehört. Über die Rückmeldungen, die andere ihm zu seinem Handeln geben, begreift es, was dies in sozialer Hinsicht bedeutet. Sein Wert wird in es zurückgespiegelt. Zum Beispiel beginnt das Kind über die Reaktionen auf sein Geplapper zu begreifen, was dies Geplapper bedeutet; es verwandelt das Geplapper allmählich in artikulierte Sprache und wird dabei mit dem versammelten Schatz von Vorstellungen und Gefühlen vertraut, den die Sprache heute bietet.

Ich glaube, daß dieser Prozeß der Erziehung zwei Seiten hat - eine psychologische und eine soziologische -, und daß keine von beiden ohne böse Folgen der anderen untergeordnet oder übergangen werden kann. Die psychologische Seite bildet die Grundlage. Instinkte und Kräfte des Kindes liefern das Material und geben den Ausgangspunkt aller Erziehung. Wo sich die Bemühungen des Erziehers nicht mit einer Tätigkeit verbinden, der sich das Kind selber aus eigener Initiative widmet, wird Erziehung auf einen äußeren Zwang reduziert. Dieser kann tatsächlich bestimmte äußerliche Ergebnisse haben, aber er ist als Erziehung kaum zu bezeichnen. Ohne Einsicht in die psychologischen Strukturen und Aktivitäten des Individuums bleibt der Erziehungsprozeß dem Zufall ausgeliefert und willkürlich. Wo er zufällig mit den Tätigkeiten des Kindes zusammengeht, wird er Auftrieb erhalten; wo nicht, wird es zu Reibungen kommen oder zu Auflösungserscheinungen oder zum Stillstand der kindlichen Entwicklung.

Ich glaube, daß die Kenntnis der sozialen Bedingungen des gegebenen Standes der Zivilisation notwendig ist, um die Kräfte des Kindes richtig deuten zu können. Das Kind verfügt über seine eigenen Instinkte und Tendenzen, aber wir wissen nicht, was diese bedeuten, bevor wir sie nicht in Begriffe ihrer sozialen Äquivalente übersetzt haben. Wir müssen uns darauf verstehen, sie in die gesellschaftliche Vergangenheit zurückzuprojizieren und sie als Erbe vergangener Tätigkeiten der Menschheit wahrzunehmen. Wir müssen uns auch darauf verstehen, sie in die Zukunft hineinzuprojizieren, um zu sehen, worauf sie hinauslaufen und was ihr Ergebnis sein wird. Auf das Beispiel bezogen, ist es die Fähigkeit, im Geplapper des Kleinkindes das Vermögen für künftigen sozialen Austausch und eine Diskursfähigkeit zu erblicken, die es in die Lage versetzt, mit jenem Instinkt richtig umzugehen.

Ich glaube, daß die psychologische und die soziale Seite ursprünglich miteinander verwandt sind, und daß Erziehung weder als Kompromiß zwischen beiden gelten darf, noch als Überordnung der einen über die andere. Es ist vorgebracht worden, daß die psychologische Definition von Erziehung für sich allein formal und inhaltsleer bleibt - daß sie uns lediglich eine Vorstellung von der Entwicklung der geistigen Kräfte gibt, ohne eine Idee davon, wozu diese Kräfte nutzbringend einzusetzen sind. Auf der andern Seite ist darauf hingewiesen worden, daß die soziale Definition von Erziehung im Sinne eines Anpassungsprozesses an die Zivilisation aus ihr einen erzwungenen und äußerlichen Vorgang macht, der darauf hinausläuft, die Freiheit des einzelnen einem vorgegebenen sozialen und politischen Zustand zu unterwerfen.

Ich glaube, daß beide Vorwürfe dann zutreffen, wenn sie gegen eine der beiden Seiten ohne Berücksichtigung der jeweils andern vorgebracht werden. Um zu wissen, was eine gegebene Kraft bedeutet, müssen wir wissen, was ihr Zweck, ihr Nutzen oder ihre Funktion ist; und dies können wir nicht wissen, solange wir nicht das Individuum als ein in sozialen Vorgängen handelndes Wesen begreifen. Aber andererseits werden wir dem Kind unter den gegebenen Umständen nur dann gerecht, wenn wir es in den vollständigen Besitz all seiner Kräfte setzen. Seit dem Bestehen der Demokratie und unter den gegebenen Bedingungen der Industriegesellschaft ist es unmöglich vorauszusagen, welches Bild die Zivilisation in zwanzig Jahren bieten wird. Deshalb ist es unmöglich, das Kind auf einen präzise bestimmten künftigen Zustand vorzubereiten. Ein Kind auf das künftige Leben vorbereiten heißt, ihm Kontrolle über sich selbst zu geben; es heißt, es so zu üben, daß es seine Fähigkeiten vollständig und sofort einzusetzen vermag; daß sein Auge und Ohr und seine Hand einsatzbereite Werkzeuge sind, daß sein Urteilsvermögen in der Lage ist, die Bedingungen zu begreifen, unter denen es zu arbeiten gilt, und daß es gelernt hat, seine Kräfte klug und wirksam einzusetzen. Es ist unmöglich, diese Art von Anpassung zu erreichen, ohne dauerhaft Kraft, Geschmack und Interesse des Individuums zu berücksichtigen - also ohne Erziehung immer wieder in psychologische Begriffe zu übertragen.

Zusammenfassend glaube ich, daß das Individuum, welches es zu erziehen gilt, ein soziales Wesen ist, und daß die Gesellschaft die organische Verbindung von Individuen darstellt. Wo wir den sozialen Faktor vom Kinde wegnehmen, bleibt uns nur eine abstrakte Größe; wo wir den individuellen Faktor von der Gesellschaft wegnehmen, bleibt uns nur eine unbewegliche und tote Masse. Erziehung muß also mit der psychologischen Einsicht in die Fähigkeiten, Interessen und Verhaltensweisen eines Kindes beginnen. Und sie muß jederzeit durch Berücksichtigung dieser Größen kontrolliert werden. Die Kräfte, Interessen und Verhaltensweisen müssen ihrerseits dauernd interpretiert werden - wir müssen wissen, was sie bedeuten. Sie müssen in Begriffe ihrer sozialen Äquivalente übertragen werden - in Begriffe, die ihr Potential im Hinblick auf den Dienst an der Gemeinschaft ausdrücken.

Artikel 2: Was Schule ist

Ich glaube, daß die Schule vor allem eine soziale Einrichtung ist. Da Erziehung einen sozialen Prozeß darstellt, ist die Schule einfach diejenige Form des Gemeinschaftslebens, in der all das zusammenkommt, was am wirkungsvollsten dazu führt, das Kind zum Teilhaber an den ererbten Ressourcen werden zu lassen und es dazu zu bringen, seine eigenen Kräfte für soziale Zwecke einzusetzen.

Ich glaube, daß Erziehung deshalb selbst ein Vorgang im gegenwärtigen Leben ist und nicht eine Vorbereitung für das künftige Leben.

Ich glaube, daß die Schule das gegenwärtige Leben repräsentieren muß - als ein Leben, das dem Kind so real und lebendig erscheint wie das, was es zu Hause,in der Nachbarschaft und auf dem Spielplatz führt.

Ich glaube, daß eine Erziehung, die nicht durch Formen des Lebens vonstatten geht - Formen, die für sich selbst lebenswert sind - immer nur ein armseliger Ersatz für die echte Wirklichkeit ist, der das Leben beschwert und lähmt.

Ich glaube, daß die Schule als Institution das bestehende gesellschaftliche Leben vereinfachen sollte. Sie sollte es gewissermaßén auf eine embryonische Form reduzieren. Das bestehende Leben ist derart komplex, daß das Kind nicht ohne Verwirrung oder innere Flucht direkt damit in Kontakt gebracht werden kann. Es wird dann entweder durch die Vielzahl der Vorgänge und Handlungen verwirrt, so daß es seine Fähigkeit zu angemessener Reaktion verliert, oder es ist derart von den verschiedenen Tätigkeiten stimuliert, daß seine Kräfte vorzeitig ins Spiel gebracht und übermäßig spezialisiert werden oder ihren Zusammenhalt verlieren.

Ich glaube, daß das Schulleben als ein solchermaßen vereinfachtes soziales Leben aus dem Leben zu Hause allmählich hervorgehen sollte; Schule sollte die Tätigkeiten aufgreifen und fortführen, mit denen das Kind zu Hause bereits vertraut ist.

Ich glaube, daß die Schule diese Aktivitäten dem Kind vorstellen und sie auf solche Weise wiederausführen sollte, daß das Kind allmählich deren Bedeutung lernt und in die Lage kommt, seinen eigenen Teil zu ihnen beizutragen.

Ich glaube, daß dies eine psychologische Notwendigkeit ist, weil es die einzige Möglichkeit bietet, die Kontinuität beim Aufwachsen des Kindes zu sichern, den einzigen Weg, den neuen Ideen der Schule einen Hintergrund von vergangenen Erfahrungen zu verleihen.

Ich glaube, daß es auch eine soziale Notwendigkeit ist, weil das Zuhause die Form sozialen Lebens darstellt, in der das Kind genährt worden ist, in Verbindung mit der es seine moralische Erziehung erfahren hat. Es ist Angelegenheit der Schule, den Sinn für die Werte, die mit seinem Leben zu Hause verbunden sind, zu vertiefen und zu erweitern.

Ich glaube, daß ein Großteil der gegenwärtigen Erziehung scheitert, weil sie das Grundprinzip der Schule als Form gemeinschaftlichen Lebens vernachlässigt. Sie begreift Schule stattdessen als einen Ort, an dem bestimmte Informationen verteilt, an dem bestimmte Lektionen erlernt, oder an dem bestimmte Verhaltensweisen ausgebildet werden sollen. Der Wert dieser Vorstellungen wird als hauptsächlich in der fernen Zukunft liegend erachtet; das Kind soll diese Dinge um anderer Dinge willen tun; sie dienen nur der Vorbereitung. Deshalb werden sie nicht ein Teil der Lebenserfahrung des Kinder und so sind sie nicht wirklich erziehend.

Ich glaube, daß sich Moralerziehung an das zentrale Konzept der Schule als einer Form des sozialen Lebens anschließt, daß die beste und tiefste Übung der Moral diejenige ist, die man erfährt, wenn man im Zusammenhang von Arbeit und Nachdenken in angemessener Beziehung zu anderen steht. Die gegenwärtigen Erziehungssysteme - so weit sie diesen Zusammenhang zerstören oder vernachlässigen - machen echte moralische Verhaltensübungen schwer oder unmöglich.

Ich glaube, daß das Kind durch das Leben in der Gemeinschaft selbst zu seinem Tun angeregt und in seinem Tun kontrolliert werden sollte.

Ich glaube, daß unter bestehenden Bedingungen viel zu viel Anregung und Kontrolle vom Lehrer ausgeht, weil die Vorstellung der Schule als einer Form des sozialen Lebens vernachlässigt ist.

Ich glaube, daß die Stellung und die Arbeit des Lehrers in der Schule auf der gleichen Grundlage interpretiert werden muß. Der Lehrer ist nicht in der Schule, um bestimmte Vorstellungen durchzusetzen oder bestimmte Verhaltensformen des Kindes zu erzwingen, sondern er ist ein Mitglied der Gemeinschaft, das die Einflüsse auswählt, die das Kind bilden, und das ihm dabei hilft, auf diese Einflüsse angemessen zu reagieren.

Ich glaube, daß die Disziplin der Schule aus dem Leben der Schule als Ganzes hervorgehen sollte und nicht direkt aus dem Lehrer. Ich glaube, daß es die Aufgabe des Lehrers ist, auf der Grundlage längerer Erfahrung und reiferer Einsicht einfach zu bestimmen, wie die Disziplin des Lebens zum Kind gelangen soll.%

Ich glaube, daß alle Fragen zur Beurteilung des Kindes und zu seinem Fortkommen unter Berücksichtigung des gleichen Maßstabes für alle entschieden werden sollten. Prüfungen sind nur so weit sinnvoll, wie sie die Fähigkeit des Kindes überprüfen, das soziale Leben mitzutragen, und die Stellen ausfindig machen, an denen es den besten Beitrag leisten kann, und die, an denen es die meiste Hilfe braucht.

Artikel 3: Inhalt und Stoff der Erziehung

Ich glaube, daß das soziale Leben des Kindes die Grundlage für alle Konzentration und Verbindlichkeit bei seinem Lernen und Aufwachsen liefert. Das soziale Leben gibt ihm eine unbewußte Einheit für sein Tun und verleiht all seinen Bemühungen und Erfolgen einen Hintergrund.

Ich glaube, daß Inhalt und Stoff des Lehrplans die allmähliche Ausdifferenzierung der ursprünglichen unbewußten Einheit des sozialen Lebens begleiten sollten.

Ich glaube, daß wir die Natur des Kindes verletzen und seine bestmögliche Bildung gefährden, wenn wir es abrupt mit einer Reihe von abgesonderten Kursen im Lesen, Schreiben, in Geographie usw. konfrontieren, die mit seinem sozialen Leben nicht verbunden sind.

Ich glaube, daß der wahre Kern der Verbindungen der Gegenstände des Schulunterrichts weder in der Wissenschaft liegt noch in der Literatur noch in der Geschichte noch in der Geographie, sondern in den sozialen Aktivitäten des Kindes selbst.

Ich glaube, daß die Erziehung über naturwissenschaftliche Studien oder Naturstudien keine Einheit finden kann, denn die Natur bietet, abgesehen von der menschlichen Tätigkeit, selbst keine Einheit; Natur für sich besteht aus einer Reihe verschiedenartiger Objekte in Raum und Zeit, und der Versuch, diese zum Zentrum der Arbeit zu machen, läuft auf ein Prinzip des Auseinandertreibens anstelle eines der Konzentration hinaus.

Ich glaube, daß Literatur ein Ausdruck der Spiegelung und Deutung sozialer Erfahrung ist; deshalb muß sie der Erfahrung folgen und soll ihr nicht vorangehen. Aus diesem Grund taugt sie nicht zur Grundlage des Lehrplans, auch wenn sie die Summe für eine spätere Zusammenschau bilden kann.

AusdruckIch glaube, daß die Geschichte insoweit von erzieherischem Wert ist, als sie Phasen des sozialen Lebens und Wachstums repräsentiert. Sie muß durch die Beziehung zum sozialen Leben kontrolliert werden. Wo sie einfach als Geschichte genommen wird, fällt sie einer fernen Vergangenheit anheim und wird tot und unbeweglich. Wo sie als Bericht über das soziale Leben und den Fortschritt der Menschheit verstanden wird, gewinnt sie Bedeutung. Ich glaube aber auch, daß sie nur dann so aufgefaßt werden kann, wenn das Kind gleichzeitig direkt in das soziale Leben eingebunden ist.

Ich glaube, daß die erste Grundlage der Schulerziehung in denjenigen Kräften des Kindes liegt, die sich entlang der gleichen konstruktiven Linien entfalten, welche die Zivilisation hervorgebracht haben.

AusdruckIch glaube, daß die einzige Möglichkeit, dem Kind ein Bewußtsein seines sozialen Erbes zu vermitteln, darin besteht, es die gleichen Haupttypen von Tätigkeiten ausüben zu lassen, die der Zivilisation zugrunde liegen.

Ich glaube deswegen, daß Ausdrucks- und Konstruktionstätigkeiten den Ausgangspunkt und die Mitte allen Stoffes bilden.

Ich glaube, daß dies die Begründung für den Platz des Kochens, Nähens, der Handarbeit usw. in der Schule liefert.

Ich glaube, daß es sich bei diesen Tätigkeiten nicht um spezielle Kurse handelt, die neben oder über viele andere hinaus zur Erholung oder zum Ausgleich oder als zusätzliches Lernangebot einzuführen sind. Ich glaube, daß sie eher die fundamentalen Formen sozialer Aktivität repräsentieren; und daß es möglich und wünschenswsert ist, daß die Einführung des Kindes in die formaleren Gegenstände des Unterrichts über das Medium derartiger Aktivitäten erfolgt.

Ich glaube, daß die Beschäftigung mit der Naturwissenschaft insofern erzieherisch ist, als sie die Materialien und Prozesse vor Augen führt, die das soziale Leben bestimmen.

Ich glaube, daß eine der größten Schwierigkeiten im gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Unterricht darin liegt, daß der Stoff in rein objektiver Gestalt präsentiert oder als eine neuartige, besondere Art der Erfahrung behandelt wird, die das Kind den Erfahrungen, über die es verfügt, anhängen soll. In Wirklichkeit liegt der Wert der Naturwissenschaft in der Fähigkeit, bereits gegebene Erfahrungen zu kontrollieren und zu deuten. Sie sollte nicht als völlig neuer Gegenstand eingeführt werden, sondern als Darstellung von Faktoren, die bei früheren Erfahrungen bereits eine Rolle gespielt haben, und im Sinne eines Verfügbarmachens von Werkzeugen, mit deren Hilfe die Erfahrung leichter und wirksamer reguliert werden kann.

SchwierigkeitenIch glaube, daß uns gegenwärtig viel vom Wert der Literatur und der Sprachstudien wegen der Ausklammerung des sozialen Elements abhanden kommt. Sprache wird in der pädagogischen Literatur einfach als Ausdruck von Gedanken behandelt. Während es zutrifft, daß Sprache ein Instrument der Logik ist, handelt es sich dabei doch grundsätzlich und vor allem andern um ein soziales Instrument. Sprache ist das Mittel zur Kommunikation; sie ist das Werkzeug, mit dessen Hilfe ein Individuum in die Lage gerät, seine Vorstellungen und Gefühle mit anderen zu teilen. Wo sie lediglich als Informationsinstrument eingesetzt wird oder als Mittel, zu zeigen, was man gelernt hat, verliert sie das soziale Motiv und ihren sozialen Zweck.

Ich glaube, daß es demzufolge im idealen Lehrplan der Schule keine Reihenfolge von Studiengängen gibt. Wenn Erziehung Leben bedeutet, dann hat alles Leben von Anfang an auch einen naturwissenschaftlichen Aspekt, einen Aspekt von Kunst und Kultur und einen Aspekt der Kommunikation. Es kann deshalb nicht wahr sein, daß die angemessenen Beschäftigungen für das eine Jahr sich auf Lesen und Schreiben konzentrieren, und daß in einem späteren Jahr Literatur oder Naturwissenschaft eingeführt werden sollen. Der Fortschritt liegt hier nicht in der Reihenfolge der Studien, sondern in der Entwicklung neuer Haltungen und Interessen gegenüber der Erfahrung.

Ich glaube schließlich, daß Erziehung als fortwährende Rekonstruktion von Erfahrung verstanden werden muß, daß es sich also bei dem Prozeß und bei dem Ziel der Erziehung um ein- und dieselbe Sache handelt.

Ich glaube, daß das Setzen eines Zweckes außerhalb des Erziehungsprozesses, mit dem diesem ein Maß und ein Ziel vorgegeben werden soll, den Erziehungsprozeß seiner Bedeutung beraubt und dazu führt, daß wir uns beim Umgang mit Kindern auf äußerliche und falsche Anregungen verlassen.

Artikel 4: Die Natur der Methode

Ich glaube, daß die Frage der Methode letztlich auf die Frage nach dem Ablauf der Entwicklung der Fähigkeiten und Interessen des Kindes zurückgeführt werden kann. Die Gesetzmäßigkeiten, die der Präsentation und Behandlung des Stoffes zugrundeliegen, entsprechen den Gesetzmäßigkeiten, die der kindlichen Natur innewohnen. Weil es sich so verhält, glaube ich, daß die folgenden Aussagen von größter Wichtigkeit zur Bestimmung der Geisteshaltung sind, mit der Erziehung vonstatten geht:

1.
Ich glaube, daß bei der Entwicklung der Natur des Kindes die aktive Seite der passiven vorausgeht; daß Ausdruck vor bewußt erfahrenem Eindruck steht; daß die Entwicklung der Muskeln der Sinnesentwicklung vorausgeht; daß Bewegungen vor bewußten Empfindungen kommen; ich glaube, daß Bewußtsein wesentlich motorisch oder impulsiv ist, und daß bewußte Zustände sich in Form von Tätigkeiten ausdrücken.

Ich glaube, daß der Grund für einen Großteil der Vergeudung von Zeit und Kraft bei der Schularbeit in der Vernachlässigung dieses Prinzips liegt. Das Kind wird in eine passive, rezeptive oder aufnehmende Haltung gezwungen. Die Umstände gestatten ihm nicht, sich seiner Natur gemäß zu verhalten; das Ergebnis ist Reibung und Verschwendung.

Ich glaube, daß auch Vorstellungen (verstandes- und einsichtsmäßige Vorgänge) aus Handlungen hervorgehen und sich zum Zweck einer besseren Handlungskontrolle entwickeln. Was wir "Verstand" nennen, ist vor allem das Regelwerk für eine geordnete oder wirksame Handlungsweise. Der Versuch, die Verstandes- und Urteilskräfte zu entfalten, ohne Bezug auf die Auswahl und Anordnung von Mitteln im Handlungszusammenhang, ist der grundlegende Fehler der gegenwärtigen Methode, die sich mit diesen Angelegenheiten befaßt. So stellen wir dem Kind willkürlich Symbole vor Augen. Symbole sind für die geistige Entwicklung notwendig, aber sie haben ihren Platz als Werkzeuge zur Ersparnis von Anstrengung; für sich genommen bilden sie eine Masse von bedeutungsleeren, willkürlichen und von außen gesetzten Ideen.

2.
Ich glaube, daß das Bild das beherrschende Mittel des Unterrichts ist. Was ein Kind von einer Sache mitbekommt, die man ihm vorstellt, sind einfach die Bilder, die es sich davon macht.

Ich glaube, daß die Mühe des Unterrichts unendlich leichter gemacht werden könnte, wenn neun Zehntel der Energie, die gegenwärtig darauf verwandt wird, daß die Kinder bestimmte Dinge lernen, stattdessen aufgewandt würde, um dafür zu sorgen, daß die Kinder sich richtige Bilder machen.

Ich glaube, daß viel Zeit und Mühe, die gegenwärtig der Vorbereitung und Durchführung von Unterrichtslektionen gewidmet wird, sinnvoller und klüger dafür aufgewandt wären, die bildliche Vorstellungskraft des Kindes zu üben und darauf zu achten, daß es dauerhaft klare, lebendige und ausbaufähige Bilder über die verschiedenen Sachgebiete bilden lernt, mit denen es bei seiner Erfahrung in Berührung kommt.

3.
Ich glaube, daß Interessen die Zeichen und Symptome zunehmender Macht sind. Ich glaube, daß sie heraufdämmernde Fähigkeiten repräsentieren. Aus dieser Sicht ist es für den Erzieher von höchster Bedeutung, Interessen dauernd und sorgfältig zu beobachten. Ich glaube, daß diese Interessen als Anzeiger des Entwicklungsstandes des Kindes begriffen werden müssen.

Ich glaube, daß sie eine Voraussage des Stadiums geben, in das ein Kind einzutreten sich anschickt.

Ich glaube, daß der Erwachsene nur durch dauernde und einfühlsame Beobachtung der Interessen der Kindheit in das Leben eines Kindes eintreten und sehen kann, wozu es reif ist, und mit welchem Material es am leichtesten und fruchtbringendsten arbeiten kann.

Ich glaube, daß diese Interessen weder geduldet noch unterdrückt werden dürfen. Ein Interesse unterdrücken heißt, den Erwachsenen an die Stelle des Kindes sezen, und damit die Neugier des Intellekts und die Aufgewecktheit zu schwächen, den Zugriff auf die Welt zu lähmen und das Interesse zum Absterben zu bringen. Ein Interesse dulden heißt, das Vorübergehende an die Stelle des Dauerhaften setzen. Das Interesse ist stets Zeichen einer ihm innewohnenden Kraft; es kommt darauf an, diese Kraft zu entdecken. Interesse dulden heißt, nicht unter die Oberfläche schauen, und sein sicherstes Ergebnis ist der Ersatz des echten Interesses durch Laune und Wechselhaftigkeit.

4.
Ich glaube, daß die Gefühle ein Reflex von Handlungen sind.

Ich glaube, daß das Bestreben, Gefühle ohne die mit ihnen zusammenhängenden Tätigkeiten hervorzurufen oder zu wecken, darauf hinausläuft, einen ungesunden und morbiden Geisteszustand zu erzeugen.

Ich glaube, daß die Gefühle sich von selbst einstellen, wenn es uns gelingt, die richtigen Gewohnheiten im Handeln und Denken, mit Bezug auf das Gute, Wahre und Schöne zu etablieren.

Ich glaube, daß unsere Erziehung, nach Langeweile und Trivialität, Formalismus und Routine, durch kein anderes Übel so sehr gefährdet ist wie durch Sentimentalität.

Ich glaube, daß diese Sentimentalität das notwendige Ergebnis des Versuchs ist, Gefühl und Tätigkeit voneinander zu trennen.

 Artikel 5: Schule und sozialer Fortschritt

Ich glaube, daß die grundlegende Methode für Reform und sozialen Fortschritt die Erziehung ist.

Ich glaube, daß alle Reformen, die lediglich auf Gesetzesbestimmungen oder auf bestimmten Strafandrohungen oder auf Veränderungen äußerlicher und mechanischer Arrangements beruhen, von vorübergehender Natur und letztlich vergeblich sind.

Ich glaube, daß die Erziehung eine Regulative des Prozesses darstellt, bei dem der einzelne am sozialen Bewußtsein teilhat, und daß die Anpassung des individuellen Verhaltens auf der Grundlage des sozialen Bewußtseins den einzig sicheren Weg zum sozialen Umbau (Rekonstruktion) bietet.

Ich glaube, daß diese Auffassung die Ideale des Individualismus und des Sozialismus berücksichtigt. Sie ist individualistisch, weil sie die Bildung eines bestimmten Charakters als einzig echte Grundlage des richtigen Lebens anerkennt. Sie ist sozialistisch, weil sie anerkennt, daß diese Charakterbildung nicht am individuellen Begriff, Beispiel oder Aufruf sich ereignet, sondern durch den Einfluß einer bestimmten Form des institutionellen oder Gemeinschaftslebens auf das Individuum, und daß der soziale Organismus in der Lage ist, über die Schule als sein Werkzeug ethisches Verhalten zu bestimmen.

Ich glaube, daß wir in der idealen Schule eine Versöhnung der individualistischen und gemeinschaftlichen Ideale antreffen.

Ich glaube, daß die Verpflichtung der Gemeinschaft zur Erziehung deshalb deren größte moralische Pflicht ist. Durch Gesetze und Strafen, durch Propaganda und Diskussion kann eine Gesellschaft sich selbst regulieren und darauf hinarbeiten, sich auf eine mehr oder weniger zufallsabhängige Weise zu bilden. Aber über Erziehung vermag eine Gesellschaft ihre eigene Zielsetzung zu formulieren, sie kann ihre eigenen Mittel und Ressourcen organisieren und sich auf diesem Wege deutlich und effektiv selbst in die Richtung bilden, die ihr vorschwebt.

Ich glaube, daß es unmöglich ist, die Ressourcen an Zeit, Aufmerksamkeit und Geld zu überschätzen, die den Erziehern zur Verfügung gestellt werden, wenn eine Gesellschaft erst einmal die Möglichkeiten erkannt hat, die in dieser Richtung liegen, und die Verpflichtungen, die ihr diese Möglichkeiten auferlegen.

Ich glaube, es ist Sache eines jeden, der mit Erziehung befaßt ist, darauf zu bestehen, daß die Schule das primäre und wirksamste Mittel für sozialen Fortschritt und Reform ist, damit die Gesellschaft die Bedeutung der Schule erkennt und den Erzieher mit dem ausstattet, was nötig ist, um seine Arbeit ordentlich auszuführen.

Ich glaube, daß Erziehung in dem dargestellten Sinn die beste und nächste Verbindung von Wissenschaft und Kunst darstellt, die der menschlichen Erfahrung zugänglich ist.

Ich glaube, daß die Kunst, den menschlichen Kräften Form zu geben und sie in den Dienst an der Gemeinschaft zu stellen, die höchste Kunst ist; eine, die der besten Künstler bedarf; daß kein Einsichtsvermögen, kein Einfühlungsvermögen, kein Taktgefühl, keine Durchsetzungskraft für diesen Dienst zu groß ist.

Ich glaube angesichts des Anwachsens der Psychologie, die uns Einsichten in die Strukturen und Gesetzmäßigkeiten des Wachstums gibt, und angesichts des Anwachsens der Sozialwissenschaften, die unser Wissen über die angemessene Organisation von Individuen vermehren, daß alle wissenschaftlichen Quellen für die Zwecke der Erziehung nutzbar gemacht werden können.

Ich glaube, daß das stärkste Motiv für menschliches Handeln dann erreicht sein wird, wenn Wissenschaft und Kunst sich verbinden, - dann werden die tiefsten Quellen menschlichen Verhaltens geweckt und die besten Leistungen der menschlichen Natur treten zutage.

Ich glaube schließlich, daß der Lehrer nicht allein damit befaßt ist, Individuen auszubilden, sondern damit, das richtige soziale Leben zu bilden.

Ich glaube, daß jeder Lehrer die Würde seines Berufs kennen sollte; er steht nämlich im Dienst der Gemeinschaft mit dem Auftrag, die richtige soziale Ordnung zu erhalten und das richtige soziale Wachstum zu sichern.

 

Ich glaube, daß der Lehrer damit der Prophet des wahren Gottes ist und der Türsteher des wahren Königreichs Gottes.

Übersetzung ins Deutsche: Helmut Schreier