Klaus Möller
Malerische Videografie


(Ein Text zum Workshop »Malerische Videografie« an der kunstschule wandsbek)

Neben dem Eingang zu Raum 5 hängt ein Plakat mit der Aufschrift „Malerische Videografie". Um in den Raum zu gelangen, schiebt man einen schwarzen Vorhang zur Seite und hört dabei teils sphärische, teils groovige Klänge der Videoinstallation. Ständig wechselnde Bilder und bewegte Farbflächen füllen den circa 100qm großen Raum. Sie werden von diagonal gespannten, durchscheinenden Tüchern, Leinwänden, Wänden und aufgestellen Tischplatten reflektiert. Abgestimmt zur Musik entstehen Bildkompositionen, die an abstrakte Malerei und künstlerische Lichtsinstallationen erinnern. An den Rändern des Geschehens stehen Stühle zum Wahrnehmen, Vertiefen, Reflektieren und Verweilen. Manch einer verspürt beim Eintauchen in die Farb-Klang-Bild-Raumwelt eine Sogwirkung und gibt sich dem Geschehen hin wie in einem Trancezustand. Wer sich mitten ins Geschehen stellt, wird gewollt oder ungewollt ein Teil der Installation.

Sie ist das Ergebnis des Workshops „Malerische Videografie" des Dozenten Klaus Möller. In nur einer Woche haben 16 Studierende aus unterschiedlichen Semestern neun experimentelle Videoclips erstellt. (Die einzelnen Clips finden Sie -> hier!) Diese Clips sind in der Installation zu einer Videoschleife zusammengefügt und an mehreren Stellen im Raum leicht zeitversetzt zu sehen.

Malerische Videografie Projektwoche 2011 kunstschule wandsbek from kw19 on Vimeo.

Der künstlerisch Umgang mit Licht und Lichtreflexionen ist nicht neu. Deshalb sollen im Folgenden einige kunsthistorische Zusammenhänge zu dieser Installation aufgezeigt werden:

Bereits im Mittelalter steht der Umgang mit dem Licht im Zentrum des künstlerischen Schaffens. Insbesondere in den Kathedralen aus der Zeit der Gotik kann man das Lichtspiel beobachten, das die großen farbigen Fenster mit Hilfe des Sonnenlichts im Raum erzeugen.

fenster kölner dom
Lichtspiel im Kölner Dom, Quelle: http://www.koelner-dom.de/fenster.html

Das Licht steht hier für das Göttliche und soll im Gotteshaus vom Himmelreich künden. Alles, was das Licht stark reflektiert, wie Gold und kräftige Farben wie Purpur und Ultramarin ist für die Darstellung von Heiligem beliebt und begehrt.

Die Maler des Barocks erfinden eine Lichtinszenierung, die eine bis dato nicht gekannte Plastizität in den Bildern erzeugt - allen voran Caravaggio. Auch die in den damals aufkommenden Stillleben zu findenden Lichtreflexionen auf Gläsern und metallischen Gegenständen zeugen von der Kunst der malerischen Lichtinszenierung, z.B. bei Willem Kalf.

Willen Kalf Stillleben mit Trinkhorn
Willem Kalf - Stillleben mit Trinkhorn, ca. 1653, Quelle: http://www.suermondt-museum.de/img/slm/ausst/kalf_25_london.jpg
(Vgl. Peter van den Brink: Gemaltes Licht. Die Stilleben von Willem Kalf)

Das Interesse der Maler am Licht erreicht Ende des 19. Jahrhunderts einem Höhepunkt: Die Impressionisten wollen ausschließlich die Farben malen, die durch Reflexion und Absorbtion des Sonnenlichts die Welt für uns erst sichtbar machen. So verlassen sie die Ateliers der Akademien und malen vor Ort Lichtpunkt neben Lichtpunkt, Farbfleck an Farbfleck.

Monet
Titel: Claude Monet: Kathedrale von Rouen, Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kathedrale_von_Rouen_%28Monet%29.

Etwa zur selben Zeit wird mit der Fotografie eine neue Form der Lichtaufzeichnung und -darstellung gefunden. Gerade die Künstler des beginnenden 20. Jahrhunderts verschreiben sich dem Experiment und wählen vermehrt das Medium Fotografie. Mit den neuen Möglichkeiten erweitern sie das Spektrum der Kunst, wie zum Beispiel Man Ray oder László Moholy-Nagy. Moholy-Nagy ist es auch, der 1930 am Dessauer Bauhaus die vielleicht erste Licht-Raum-Installation entwirft. Er nennt den Apparat, der mit einem Motor angetrieben und mit Scheinwerfern bestrahlt, Lichtreflexionen durch den Raum bewegt „Licht-Raum-Modulator".


Lászlo Moholy-Nagy: Licht-Raum-Modulator, 1930

Der Künstler versteht sich zu dieser Zeit in erster Linie als Experimentator und eben nicht als Maler, Bildhauer, Fotograf oder Filmer. Künstler, die den zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufkommenden Film in seiner Anfangsphase als „Lichtspielinstrument" nutzen, sind unter anderem Marcel Duchamp, Hans Richter, Walter Ruttmann und Fernand Lèger


Marcel Duchamp „Anemic Cinema", 1926


Hans Richter „Rhythmus 21", 1921


Walter Ruttmann „Opus 1", 1921


Fernand Lèger „Balett mechanique", 1924

Mit dem Aufkommen des Fernsehens und Videos findet man vermehrt künstlerische Arbeiten die auch mit diesen Medien experimentell arbeiten. Einer der Pioniere der Videokunst ist Nam June Paik. Er gilt auch als Vorreiter im Bereich Musikvideo.


Nam June Paik „One Candle", 1988

Zwei zeitgenössische Künstler, die sich intensiv mit dem Phänomen Licht beschäftigen, sind James Turrell und Olafur Eliasson. Der „Lichtkünstler" James Turrell thematisiert die visuelle Wahrnehmung und deren Grenzen. Die für das Kunstmuseum Wolfsburg entstandene Arbeit „The Wolfsburg Project" zeigt eine begehbare Raum-in-Raum-Konstruktion auf 700qm Grundfläche und einer Raumhöhe von 11 Metern. In diesem von farbigem Licht durchfluteten Raum steht man einer leuchtenden Fläche gegenüber, deren Entfernung und Ränder nicht auszumachen sind und deren Farbe langsam aber stetig wechselt. Man sieht pures Licht und nichts anderes (Vgl. „The Wolfsburg Project", 2009).

James Turrell The Wolfsburg Project
James Turrell "The Wolfsburg Project", 2009
Quelle: http://www.kunstmuseum-wolfsburg.de/exhibition/110/79/James_Turrell/

Olafur Eliasson beschäftigt sich auf eine ganz andere oft sehr spielerische Art mit der Wahrnehmung von Licht und zeigt dies in vielen seiner Arbeiten, wie z.B. in „The Weather Project": Eine große Lichtscheibe, die wie eine glühende Sonne den Raum mit Licht durchflutet, eine riesige Spiegelfläche unter der Decke der Turbinenhalle der Tate Modern in London und ein wenig Nebel umhüllt den Betrachter mit Licht und Raum. (siehe „The Weather Project", 2003)


Olafur Eliasson "The Weather Project", 2003